Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Globale Gesundheit e.V.
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Bei Infektionen durch Meningokokken kann es zu schweren, lebensbedrohlichen, invasiven Erkrankungen mit fulminantem Verlauf kommen, insbesondere zu Meningitis und Sepsis. Meningokokken sind weltweit verbreitet, man rechnet mit 1,2 Mill invasiven Erkrankungen jährlich und 335.000 Todesfällen.

Das Risiko für Reisende, an einer Meningokokkeninfektion zu erkranken, ist insgesamt sehr gering. In älteren Arbeiten wurde angegeben, dass das Risiko während einer Reise nicht höher sei als im Heimatland. Ein höheres Risiko besteht möglicherweise für Reisende, wenn sie in Gemeinschaftseinrichtungen unterkommen oder wenn sie an Massenveranstaltungen teilnehmen.

Neisseria meningitidis sind gramnegative Diplokokken. Sie besitzen ein variables Lipooligosaccharid in der äußeren Membran, und sie bilden für die Adhärenz an menschliche Zellen variable Pili und Oberflächenadhäsine aus. Sie tragen meist eine Polysaccharidkapsel. An Hand der Kapsel-Polysaccharide werden die Meningokokken in 13 verschiedene Serogruppen eingeteilt. Die meisten menschlichen Infektionen sind auf die Serogruppen A, B, C, Y, X und W135 zurückzuführen. Konjugierte Impfstoffe stehen in Deutschland gegenwärtig für die Serogruppe C, als tetravalente Impfstoffe für die Serogruppen A,C,W,Y zur Verfügung (international gibt es weitere Impfstoffe,
z.B. einen konjugierten Impfstoff für die Serogruppe A).

Welche Serogruppen in einem Land zirkulieren, ist von einer Reihe von Faktoren abhängig, u.a. von vorhandenen Impfprogrammen. Grundsätzlich können die Serogruppenprävalenzen sich sowohl räumlich als auch zeitlich rasch ändern, so dass Voraussagen schwer möglich sind.

Moderne Impfstoffe gegen Meningitis B gehören einer weiteren Impfstoffklasse an.

Indikationen

Für Pilger nach Saudi-Arabien ist die Impfung unter Verwendung eines tetravalenten Impfstoffs (A, C, W, Y) vorgeschrieben. Die Gültigkeit des Impfzertifikats beginnt 10 Tage nach der Impfung und gilt 5 Jahre bei Verwendung eines Konjugatimpfstoffs, wobei in Deutschland nur noch Konjugat-impfstoffe verfügbar sind. Da manche Länder jedoch noch Polysaccharidimpfstoffe verwenden, muss im Impfpass in englischer Sprache ausdrücklich dokumentiert werden, dass mit einem Konjugatimpfstoff (conjugate vaccine) geimpft worden ist.

Es gibt weitere Länder in der WHO-Übersicht, die offiziell eine Impfung gegen Meningokokken als Einreisevoraussetzung fordern (derzeit Libyen und Gambia).

Die tetravalente Meningokokken-Impfung (A, C, W, Y) ist darüber hinaus eine Indikationsimpfung, die für Risikogebiete unter bestimmten Reisebedingungen und abhängig von der Jahreszeit sowie bei definierten Risikogruppen eingesetzt werden kann. Risikogebiet ist der erweiterte sog. Meningitis-Gürtel in Afrika.

Die Evidenz für eine reisemedizinische Indikation ist sehr spärlich. Dies sollte im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung mit dem Reisenden besprochen werden.

Bei Vorliegen einer Kombination aus epidemiologisch-geographischem und durch die Reiseumstände bedingtem erhöhtem Übertragungsrisiko, d.h. Reisen in die Risikogebiete in der epidemischen Jahreszeit (i. d. R. in der Trockenzeit) oder bei aktuellen Ausbrüchen sollte die Impfung empfohlen werden.

Zu den besonderen Reiseumständen gehören z.B. Einsätze als Katastrophenhelfer oder medizinisches Personal, Bundeswehr und Polizeikräfte in Auslandseinsätzen, Langzeitaufenthalte (auch Säuglingen und Kleinkinder), voraussehbare Interaktionen mit lokaler Bevölkerung in Schulen, Heimen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Jugendliche und Studenten in Gemeinschaftsunterkünften im Kontext von Hilfs- und Sozialprojekten, Austauschschüler, Abenteuer-/Rucksackreisen sowie Besucher  von Massenveranstaltungen oder Pilgerreisen. Hier ist die tetravalente Impfung ACWY indiziert.

Zu den besonderen individuellen Risikofaktoren gehören höhere Infektanfälligkeit und das

Risiko eines schwereren Krankheitsverlaufs. Diese Patientengruppe ist durch die STIKO definiert und häufig auch in Deutschland bereits geimpft. Vor Reisen in die o.g. Risikogebiete auch außerhalb der epidemischen Jahreszeit sollte bei diesen Reisenden der Impfschutz überprüft und dann ggfs. gegen alle Subtypen geimpft bzw. die Impfung geboostert werden.

Außerhalb des afrikanischen Meningitisgürtels können Impfungen mit allen Subtypen erforderlich sein. Hier sollte entsprechend den Empfehlungen der Zielländer und der Schulen z.B. Schüler/Studenten vor Langzeitaufenthalten mit empfohlener allgemeiner Impfung für Jugendliche, bei voraussichtlicher Unterbringung in Wohnheimen oder bei Impferfordernissen der Einrichtungen geimpft werden.

Bei Reisen in tropische und subtropische Regionen mit niedrigem sozioökonomischem Status und mit voraussichtlich engem Kontakt zu Kindern/Jugendlichen aus der einheimischen Bevölkerung sowie bei sexuellem Risikoverhalten, z.B. bei MSM kann eine Impfung erwogen werden.

Impfstoffe

Meningokokken-Gruppen A, C, W, Y-Konjugat-Impfstoffe:

  • Nimenrix®: 2 × 0,5 ml i. m. bei Säuglingen im Alter von 6 Wochen bis unter 6 Monaten verabreicht im Abstand von mindestens 2 Monaten. Auffrischimpfung im Alter von 12 Monaten, frühestens 2 Monate nach der letzten Impfung. Ab 6 Monatensowie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: 1 × 0,5 ml i. m.

Menveo®: 1 × 0,5ml i.m. ab 2 Jahren Impfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe B:

  • Bexsero® (Proteine und Membranvesikel der Serogruppe B): Jugendliche ab 11 Jahren und Erwachsene 2 × 0,5 ml i. m. im Abstand ≥ 4 Wochen; für Kinder s. Fachinformation!
  • Trumenba® (Proteine der Serogruppe B): ab 10 Jahren 2 × 0,5 ml i. m. im Abstand von 6 Monaten bzw. als 3-Dosen-Schema (je 0,5 ml i. m.) mit 2 Dosen im Abstand von mindestens einem Monat und die dritte Dosis im Abstand von mindestens 4 Monaten nach der zweiten Dosis

Wirksamkeit

  • Meningokokken-Gruppen A, C, W, Y-Konjugat-Impfstoffe: zuverlässig; Wirkbeginn innerhalb eines Monats; Wirkdauer mindestens 1 Jahr, wahrscheinlich ≥ 5 Jahre (ungenügende Datenlage), nach wiederholter Impfung langer Schutz zu erwarten (boosterfähig).

  • Impfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe B: Es wird auf die Stellungnahme der STIKO zur Bewertung der Impfungen gegen Meningokken der Serogruppe B verwiesen.

Zusätzliche Hinweise

Meningokokkenimpfstoffe dürfen nicht subkutan oder intradermal geimpft werden.

Bei Säuglingen und Kleinkindern sollte vor einer Auslandsreise die Standardimpfung gegen Meningokokken der Gruppe C durch einen tetravalenten Impfstoff (ACWY) in der altersentsprechenden Dosierung ersetzt werden.

Durch intensive Impfkampagnen im afrikanischen Meningitisgürtel mit dem Impfstoff MenAfriVac® gegen die dort ursprünglich prädominanten Serogruppe-A-Meningokokken sind die Fälle an saisonaler Meningokokkenmeningitis verursacht durch Meningokokken der Serogruppe A in dieser Region in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Dagegen hat sich die Serogruppe W135 in den letzten Jahren in Afrika ausgebreitet. Mit dem Rückgang der durch die Serogruppe A verursachten Krankheiten nehmen daneben auch Epidemien der Serogruppe X und der Serogruppe C in der Region ebenfalls zu.